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(c)
Copyright Bartók-Archiv, Institut für Musikwissenschaft der
Ungarischen Akademie der Wissenschaften, 2004-2005
Vor der Öffentlichkeit
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Geboren am 25. März 1881 in Nagyszentmiklós
(einem Orte im Torontáler Komitat in Ungarn,
jetzt Rumänien), erhielt ich im sechsten
Lebensjahr den Klavierunterricht von meiner
Mutter. Mein Vater, Direktor einer
landwirtschaftlichen Schule, zeigte ziemlich
hohe musikalische Anlagen [...] Ich verlor ihn
in meinem achten Lebensjahre. Nach seinem Tode
mußte meine Mutter als Volksschullehrerin für
das tägliche Brot sorgen. [...] Da ich schon als
neunjähriger Knabe kleine Klavierstücke zu
komponieren begann und im Jahre 1891 in
Nagyszõllõs als „Komponist“ und „Pianist“ sogar
öffentlich debütierte, schien es für uns
besonders wichtig, endlich in eine größere Stadt
ziehen zu können. [...]
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[...] Ferner erkannte ich, daß die
irrtümlicherweise als Volkslieder bekannten
ungarischen Weisen – die in Wirklichkeit mehr
oder minder triviale volkstümliche Kunstlieder
sind – wenig Interesse bieten, so daß ich mich
im Jahre 1905 der Erforschung der bis dahin
schlechtweg unbekannten ungarischen Bauernmusik
zuwandte. Hierbei fand ich zu meinem großen
Glück einen ausgezeichneten Musiker als
Mitarbeiter, Zoltán Kodály, der mir mit
Scharfsinn und Urteilskraft auf jedem Gebiete
der Musik manchen unschätzbaren Wink und
Ratschlag erteilte. Diese Forschung begann ich
vom rein musikalischen Standpunkte ausgehend,
und zwar nur auf magyarischem Sprachgebiete,
später jedoch gesellte sich die nicht minder
wichtige wissenschafliche Behandlung des
Materials dazu sowie die Erstreckung der
Forschung auf die Sprachgebiete der Slowaken und
Rumänen.
Das Studium all dieser Bauernmusik war deshalb
von entscheidender Bedeutung für mich, weil sie
mich auf die Möglichkeit einer vollständigen
Emanzipation von der Alleinherrschaft des
bisherigen dur- und moll-Systems brachte. Denn
der weitaus überwiegende und gerade wertvollere
Teil des Melodienschatzes ist in den alten
Kirchentonarten bzw. in altgriechischen und
gewissen noch primitiveren (namentlich
pentatonischen) Tonarten gehalten und zeigt
außerdem mannigfaltigste und freieste
rhythmische Gebilde und Taktwechsel, sowohl im
Rubato- als auch im Tempo giusto-Vortrag.
Es erwies sich, daß die alten, in unserer
Kunstmusik nicht mehr gebrauchten Tonleitern
ihre Lebensfähigkeit durchaus nicht verloren
haben. Diese Behandlung der diatonischen
Tonreihe führte zur Befreiung von der erstarrten
Dur-moll-Skala und, als letzte Konsequenz, zu
vollkommen freien Verfügung über jeden einzelnen
Ton unseres chromatischen Zwölftonsystems.
Bartók, Autobiographie,
in: Béla Bartók. Weg und Werk,
zusammengestellt von Bence Szabolcsi, Budapest,
1957, S. 155
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Auch
ich möchte noch ein Paar Zeilen über die Pariser
und Londoner Angelegenheiten schreiben. Aus dem
Bericht im „Temps“ ist nicht nur ersichtlich,
dass sie mich „nicht tadeln“, sondern auch dass
sie über mich mit den wärmsten Worten schreiben.
Sie beginnen gleich damit, dass „das Talent
sowohl von Schönberg als auch von Bartók nun mal
außer Frage“ steht. Und im Vergleich mit den
anderen schreiben sie über das Stück von Dukas
und das von mir mit der größten Sympathie.
Ansonsten verleiht dem Ganzen die Einstellung
selbst seine besondere Wichtigkeit: sie haben
mich zu den zehn repräsentativen Komponisten
gezählt. [...]
Der Londoner Artikel (in „The Sackbut“) ist
geradezu sensationell. Schon allein angesichts
der äußeren Merkmale. 8 dichte, kleingedruckte
Seiten. Und viel mehr noch inhaltlich: über die
1. Suite schreibt er z. B., dass, obwohl sie ein
Jugendwerk sei, das aber im besten Sinne des
Wortes, denn in ihr äußere sich eine
Vollkommenheit, die Komponisten in der Regel
erst erreichen, als ihre jugendliche Frische
schon verblasst ist. Über das 1. Quartett stellt
er fest, es sei das beste Streichquartett seit
Beethoven. [...] Besonders interessant im
Artikel ist außerdem die Betonung dessen, dass
ich ein par excellence „Melodist“ sei; dass ich
mit den einfachsten Mitteln arbeitete und dass
ich zu den wenigen neueren Komponisten gehörte,
die im Stande seien, voluminöse und großzügige
Werke zu schreiben (N. b. er kennt dabei nicht
einmal meine größten Kompositionen, die drei
Bühnenwerke), und zuletzt dass er sagt, meine
Werke seien für die Entwicklung der Musik
wichtig. Auf diese Art und Weise wurde nie über
einen ungarischen Künstler im Ausland
geschrieben, sei er Musiker oder sogar Maler
bzw. Schriftsteller. [...]
Ich glaube, Márta hat nicht erwähnt, dass ich in
den letzten Tagen einen Brief vom angesehenster
italienischen Kritiker der Zeit, Gatti, erhalten
habe, in dem er schreibt, er möchte für meine
Werke in italienischen Zeitschriften Propaganda
machen, und deshalb bittet mich um meine in
Budapest erschienenen Werke, die er noch nicht
kennt (die in Wien erschienenen kennt er
natürlich schon, über einige von ihnen hat er
sogar kürzere Rezensionen geschrieben). In der
„Revue Musicale“ im März wird die lange Studie
von Zoltán über mich erscheinen; ich weiß noch
nicht, was er schreibt, aber zweifellos wird die
seine die beste sein, schon allein deswegen,
weil er in all das am besten eingeweiht ist, was
auf meine Entwicklung eingewirkt hat.
Bartóks Brief an seine Mutter
vom 8. Januar 1921, in: Bartók Béla Családi
levelei [Bartók Familienbriefe], hrsg.
von Béla Bartók, d. J.
und Adrienne Gombocz-Konkoly, Budapest, 1981, S.
310f.
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