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Copyright Bartók-Archiv, Institut für Musikwissenschaft der
Ungarischen Akademie der Wissenschaften, 2004-2005
Folklore und Avantgarde
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Als ich Béla Bartók kennenlernte, war ich siebzehn
und arbeitete auf den Feldern von Gut Wenckheim in
Kertmegpuszta in der Nähe von Vésztő. Bartóks Schwager
war dort der Gutsverwalter. Wir waren gerade auf dem
Feld, als ein Mann um die fünfunddreißig mit blonden
Haaren – nicht groß – zu uns kam und uns fragte, ob
jemand alte Volkslieder kenne und auch bereit sei, sie
ihm vorzusingen. Da standen nun eine ganze Menge Mädchen
herum, aber keine von ihnen traute sich, und sie sagten
in ihrer Verlegenheit, daß sie keine alten Lieder
wüßten. Aber ich erbot mich zu singen.
Abends kam er
zu uns herüber und setzte sich auf die Kiste eines
Arbeiters mit einem Licht neben sich. Ich saß ihm
gegenüber und sang. Er schrieb sich alles auf. Ich sang
zwei Lieder, Fehér László und Angoli Borbála.
Mich hatte zweifellos Ehrfurcht ergriffen; denn es
fielen mir einfach keine weiteren Lieder mehr ein. Er
war so bescheiden, und er drängte mich auch nicht,
weiter zu singen.
Es waren
viele Arbeiter in der Scheune, wo wir untergebracht
waren – und am Abend zog sich jedermann zum Schlafen
zurück. Nur ich sang. Ich kann mich noch gut daran
erinnern, wie vorsichtig er war, damit mein Gesang und
seine Arbeit die anderen nicht störten. Ich selbst
liebte diese Lieder schon damals sehr, und wenn ich eins
hörte, das ich noch nicht kannte, machte ich mich daran,
es zu lernen.
Die meisten
Lieder lernte ich bei der Arbeit. Mein Vater starb, als
ich zehn war. Ich habe meine Mutter nie singen hören.
Ich kannte sehr viele Lieder, aber nun werde ich alt und
habe schon so viele vergessen. Aber Béla Bartók habe ich
nicht vergessen – es ist, als ob er heute bei mir
gewesen wäre. Er ist mir fest in Erinnerung geblieben.
A nédalkutató Bartók Béla [Béla
Bartók der Volksmusikforscher], hrsg. von Béla Csende,
Békéscsaba, 1981, S. 67f, zitiert nach
Malcolm Gillies, Béla Bartók im Spiegel seiner Zeit –
Portraitiert von Zeitgenossen, Zürich/St. Gallen,
1991, S. 73
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Vorläufig habe ich – pour dégourdir mes membres
musicaux – 7 ungarische Lieder aus der im Sommer
angefertigten Sammlung harmonisiert, unter anderem auch
das berühmte Lied „Borbála Angoli”, das Róza Ökrös
vorsang. Hör’ es Dir unbedingt einmal an, denn so etwas
ungarisch zu hören, noch dazu mitten in der Tiefebene
und auch noch im 7/8-Takt, ist eine wahre Sensation.
Ich mache aber mir schon Gedanken zum Mandarin; es wird
eine höllische Musik, wenn sie gelingt. Am Anfang – eine
ganz kurze Einleitung vor noch geschlossenem Vorhang –
erklingt schrecklicher Lärm, Geklirre, Gepolter und
Getute: ich führe die werten Zuhörer aus dem
weltstädttischen Straßentrubel hinas zu einem
Apachenlager.
Bartóks Brief an Márta Ziegler vom 5.
September 1918, zitiert nach
Tibor Tallián, Béla Bartók. Sein Leben und Werk,
Budapest, 1988, S. 126f

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Also, inzwischen arbeite ich an der Vertonung eines
Stückes von Menyhért Lengyel mit dem Titel: „Der
wunderbare Mandarin“. Und hören Sie nun mal zu, wie
wunderschön das Sujet ist! In einem Apachenlager zwingen
drei Apachen ein schönes junges Mädchen, Männer zu sich
heraufzulocken, die dann beraubt werden sollen. – Der
erste Kunde ist ein armer Kerl, der zweite ist auch
nicht viel besser, aber der dritte ist ein reicher
Chinese. Das ist ein guter Fang, das Mädchen unterhaltet
ihn mit ihrem Tanz und die Begierde erwacht im Mandarin,
er entflammt in heftiger Liebe für das Mädchen, das aber
vor ihm graut. – Die Apachen überfallen ihn, plündern
ihn aus, versuchen ihn unter Daunen zu ersticken, und
mit einem Schwert zu erstechen, aber alles umsonst, sie
können mit dem Mandarin nicht fertig werden, er sieht
das Mädchen mit begierigen Liebesblicken an. –
Fraueninvention hilft, das Mädchen erfüllt den Wunsch
des Mandarins, bis er tot und leblos zu Boden fällt.
Aus einem Interview mit Bartók in 1919,
siehe Bartók Béla válogatott írásai
[Ausgewählte Schriften von Béla Bartók], hrsg. von
András Szőllősy, Budapest, 1956, S. 338f.
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.In Köln gab es eine laute Demonstration
gegen das Buch und eine Gegendemonstration für
mich. Der Krawall dauerte wohl zehn Minuten, der
eiserne Vorhang wurde heruntergelassen, aber die
Menschen wollten immer noch nicht weggehen, so
dass sogar die eiserne Tür zweimal aufgemacht
wurde. Man kann also wohl sagen, dass es einen
stürmischen Applaus (und zugleich ein
stürmisches Pfeifkonzert) gab. Bei einer so
großen Erregung hättest Du selbst mit dabei sein
sollen! Du kannst es dir vorstellen! [...] Laut
Nachrichten der Pester Zeitungen sei das Stück
offiziell verboten; das ist sehr gut möglich und
meine Kölner Leute haben es auf der einen Seite
auch befürchtet, auf der anderer Seite aber sagt
Szenkár, es gäbe keine bessere Propaganda als
ein solches Verbot. Wir werden mal sehen.
Bartóks Brief an seine Mutter
vom 2. Dezember 1926,
in¨ Bartók Béla Családi levelei [Bartók
Familienbriefe],
hrsg. von Béla Bartók, d. J. und Adrienne
Gombocz-Konkoly, Budapest, 1981, S. 386
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Heute habe ich den geänderten Text des
Wunderbaren Mandarin’s erhalten. Leider passen
die Änderungen (namentlich vom Erscheinen der
dritten Person an) garnicht zur Musik. Diese
Musik will nämlich – im Gegensatz zu der
heutigen objektiven, motorischen usw. Strömung –
seelische Vorgänge ausdrücken. Es kann ihr also
kein Text unterschoben werden, der an vielen
Stellen gerade eine gegensätzliche Stimmung, als
die der Musik, ausdrückt.
Bartóks Brief an die Universal
Edition vom 11. April 1927, Photokipie im
Budapester Bartók-Archiv
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