(c) Copyright Bartók-Archiv, Institut für Musikwissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, 2004-2005

 

Führer durch die Ausstellung

 

Die Ausstellung möchte etwas von der Größe Béla Bartóks und der Aktualität seines Werkes fassbar machen mit besonderer Rücksicht auf sein folkloristisches Interesse. Über die allernötigsten, meistens auch kurz gefassten Überschriften hinaus begleiten und gleichzeitig kommentieren Quellentexte – Zitate aus Bartóks Briefen und Aufsätzen, bzw. seine Persönlichkeit schildernde Gedanken von Bekannten, Familienmitgliedern und Zeitgenossen – die im Mittelpunkt stehenden Bilder: Fotos, Musik- und Textautographe sowie weitere Dokumente.

 
            Als Einleitung dienen zwei, Bartóks Persönlichkeit analysierende Tableaus: Die Gesichter eines Mannes und Privatleben. Zitate aus Erinnerungen an Bartók begleiten das erstere, während einige besonders charakteristische Stellen aus immer an wichtige Frauenfiguren seines Lebens gerichteten Briefen schließen sich an das letztere. Hier finden sich aber auch einige persönlichere Erinnerungen von Familienmitgliedern. Im Gegensatz zum Privatleben steht sein Leben vor der Öffentlichkeit. Dieses Tableau soll verschiedene Seiten und Momente von Bartóks Karriere, die eines konzertierenden Pianisten und Komponisten, die des an Konferenzen teilnehmenden Volksmusikforschers, sowie die des Unterricht gebenden Klavierprofessors skizzenhaft darstellen.

 
            Die sechs weiteren Tableaus beleuchten je einen charakteristischen Aspekt von Bartóks Werk. Obwohl immer nur ein einziges „Thema“ im Mittelpunkt eines Tableaus steht, bietet im Nacheinander die Reihe dieser Themen, die zur gleichen Zeit auch noch einer losen Chronologie folgen, Annäherungen an das gesamte Lebenswerk und an die Gedankenwelt des Meisters an. Gegensätze und Gegensätzlichkeiten waren in Bartóks Ästhetik schon von sehr früh an entscheidend präsent und begleiteten ihn bis zu seinen späteren Jahren. Die Verknüpfung zweier kontrastierender Sätze in einem Werk, paradigmatisch verwirklicht in den Zwei Portraits, op. 5 (1908/11), blieb solange richtungsweisend für Bartóks Komponieren, bis er die Verwendung des Rhapsodie-Modells, etwa in der 2. Violinsonate bzw. im 3. Streichquartett – und nicht nur in den zwei Violinrhapsodien – , überhaupt noch für möglich hielt. Ein ähnlicher Kontrast wurde zwischen den zwei Bühnenwerken, Herzog Blaubarts Burg mit seiner Tragik und psychologisierenden Symbolik und dem heitereren, märchenspielartigen Holzgeschnitzten Prinzen, schon von Zoltán Kodály hervorgehoben. Gegensätze sind jedoch noch wesentlicher für Bartók: Sie sind gerade bedeutungsstiftend in der Differenzierung zwischen „Volksmusik“ und höherer Kunstmusik, zwischen Volksliedbearbeitung und „originaler“ Komposition, und letztendlich zwischen östlicher und westlicher Tradition.


Der Gegensatz zwischen der künstlerischen Auswertung der wissenschaftlich erforschten Bauernmusik und eines musikalischen Modernismus – Folklore und Avantgarde  – ist Thema eines selbständigen Tableaus. Im Ausgangspunkt dessen steht ein Briefzitat aus dem Jahr 1918, wo der Komponist ohne jeden Übergang manche neuen Volksliedbearbeitungen erwähnt, unter ihnen die Ballade aus den Fünfzehn ungarischen Bauernliedern und seine erste Kompositionsideen zu dem kühnsten seiner modernistischen Werke, dem Wunderbaren Mandarin.


            Mit der Formel  „eine ideal erdachte Bauernmusik“ wollte Bartók offensichtlich dieselbe Idee ausdrücken, die später von Serge Moreux als folklore imaginaire bezeichnet wurde. Unter seinen Werken vertritt diese Stilschicht die 1923 komponierte, mit Kodály’s Psalmus hungaricus auf demselben Festkonzert in Budapest uraufgeführte Tanz-Suite, die keine konkrete, aus der Volksmusik geschöpfte Thematik verwendet, aber trotzdem einen volkstümlichen Charakter aufweist. Der ganz außerordentliche Erfolg dieses grundsätzlich doch modernistischen Orchesterwerkes begann mit seiner Aufführung in Prag zwei Jahre nach Budapest. Bartóks bis dahin bereits etablierten Ruhm bezeugen italienische, englische und deutsche Rezensionen des Prager Konzerts, geschrieben von keinen geringeren Persönlichkeiten als dem Komponisten Alfredo Casella oder dem Philosophen Theodor Wiesengrund-Adorno. Die künstlerische aber auch politische Bedeutung der Tanz-Suite wird anhand der Erklärungen des Komponisten selbst anschaulich gemacht.


            Um ein einziges Werk herum ist auch das nächste Tableau organisiert: Sein „eigenstes Bekenntnis“ nannte Bartók die 1930 komponierte Cantata profana, sein einzelnes oratorisches Werk für zwei Soli, Doppelchor und Orchester. Während die Dokumente über die Tanz-Suite die Rezeption eines wichtigen Werkes schildern, können im Zusammenhang mit der Cantata profana die folkloristischen Quellen des Librettos näher betrachtet werden. Zur Schau gestellt werden alle wichtigen Aufzeichnungen der zwei rumänischen rituellen Colinda-Lieder, gesungen im Zusammenhang mit den Zeremonien um die Wintersonnenwende, deren Texte zwei Fassungen derselben Volksballade bewahrten. Wie aber der Komponist selbst betonte, im Falle der Cantata profana stamme nur der Text und nicht die Musik selbst aus der Folklore.


           Trotz seiner lebenslangen Verpflichtung der Volksmusik äußerte er in einem wichtigen Gespräch, geführt vom späteren Bartók-Forscher und ersten Leiter des Budapester Archivs, Denijs Dille, sogar die Ansicht, Volksmelodien seien ungeeignet für direkte Verwendung in den größeren Entwicklungsformen der Kunstmusik. Er wies auf den „strengeren Rahmen“ dieser Formen hin. Die analytischen Bemerkungen, die der Komponist selbst zu einigen seiner späteren Werke, wie dem 5. Streichquartett, dem 2. Klavierkonzert oder der Musik für Saiteninstrumente verfasste, heben gerade diesen intellektuellen Aspekt der Kompositionen hervor. Auf dem vorletzten Tableau wurden einige wichtige Dokumente zum Thema „strenger Rahmen“ zusammengebracht.
 

            Der Titel des letzten Tableaus nimmt auf Bartóks zuerst 1937 veröffentlichten Aufsatz Volksliedforschung und Nationalismus Bezug, in dem nicht nur die Verquickung dieser beiden zur Sprache kommt, sondern auch die mit ihnen verbundenen Gefahren. Bartóks Lebenswerk kann auch als ein ständiger Versuch betrachtet werden, diese Sackgasse zu vermeiden. In seinem späten, auf Englisch geschriebenen Aufsatz Rassenreinheit in der Musik nahm er eine klare und während des II. Weltkriegs besonders aktuelle Stellung, als er mit wissenschaftlichen Argumenten für die „Unreinheit“ plädierte, also für die Mischung ethnisch verschiedener Elemente, die, wie die Volksmusiktraditionen zeigen, zu einer Bereicherung wesentlich beizutragen vermag.

 

 

 

 

Über Béla Bartók

Leben und Werk des ungarischen Komponisten, Pianisten und Ethnomusikologen Béla Bartók scheint wieder einmal von großer Aktualität zu sein, als sich eine vorher nie erhoffte Breite und Weite europäischer Integration entfaltet, eine Integration, die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem von zwei Weltkriegen gespaltenen Europa besonders fern erschienen haben mochte. Dennoch ist Bartóks unerschöpfbares Interesse (oder mit seinem eigenen Wort „Vorliebe“) für die Bauernmusik der verschiedensten Nationen, „benachbarter Völker“ und Ethnien auch heute noch beispielhaft.
 

            Die Kindheit von Béla Bartók war von Krankheiten geplagt. Nach dem frühen Tode seines Vaters nahm seine Mutter Paula Voit auf sich alleine, den achtjährigen Sohn und die um drei Jahre jüngere Tochter Elza aufzuziehen. Die Familie wanderte von Stadt zu Stadt, bis sie sich endlich in Pressburg (heute Bratislava, ungarisch Pozsony) niederlassen konnten, wo der Gymnasiast Béla endlich systematischere Musikerziehung erhielt. Nach seinem Abitur entschloss er sich in die Fußstapfen des von Pressburg stammenden Ernst (Ernõ) von Dohnányi (1877–1960) zu treten und statt des nahen Wien an der königlichen Musikakademie von Budapest zu studieren, wo er zwischen 1899 und 1903 beim Liszt-Schüler István Thomán Klavier und bei Hans Koessler Komposition studierte. Der Beginn seiner Karriere war  – trotz der vielseitigen Anerkennung seiner sowohl pianistisch als auch kompositorisch hervorragenden Begabung – nicht ohne Schwierigkeiten. Nach der Komposition seiner vom Patriotismus bestimmten, ersten groß angelegten Werke (die später zurückgewiesene Kossuth Symphonie oder die Erste Suite, op. 3) entdeckte er die Bauernmusik, die für die Fundierung einer neuen ungarischen Musiksprache als origineller, „authentischer“ und gleichzeitig angemessener erschien. Um 1906 setzte er sich an eine systematische Sammlung von Bauernmusik und fing an, neuartig modernistische, auf einigen besonderen Eigenschaften des gesammelten Volksmusikmaterials beruhende, oft experimentelle Kompositionen zu schreiben (Vierzehn Bagatellen, op. 6, 1. Streichquartett, op. 7). In der Entfaltung seiner individuellen (und individualistischen) Musiksprache spielte die Krise, die aus seiner unerwiderten Liebe zur Violinistin Stefi Geyer stammte, eine wesentliche Rolle. In 1909 heiratete er Márta Ziegler, von der sein erster Sohn, Béla d.J. (1911–1994), geboren wurde. Der sich langsam zum Forscher und Wissenschaftler ausbildende Komponist und, seit 1907, auch Klavierprofessor an der Musikakademie sammelte mehr als ein Jahrzehnt lang unermüdlich in entlegenen Dörfern und neben den ungarischsprachigen Territorien auf umfangreichen slowakischen und rumänischen Sprachgebieten des damaligen Ungarns, da sein Interesse für die Musik der Minderheiten sehr früh erweckt worden war. Er war besonders fasziniert von den archaischen Eigenschaften der Bauernmusik, die er als ein Naturphänomen erachtete und für deren Erforschung er nur eine ganz streng wissenschaftliche Behandlung für akzeptabel hielt. Seine Sammlungen umfassen etwa 3500 rumänische, 3000 slowakische und 2700 ungarische, sowie einige serbische und bulgarische Melodien, Volkslieder und instrumentale Volkstänze.
 

            Von 1906 an entwickelte sich eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen ihm und seinem Komponisten-Freund Zoltán Kodály (1882–1967). Bartóks Begeisterung für musikalische Archaismen führte ihn auf ferne Gebiete: 1913 machte er eine Forschungsreise in Algerien (Biskra und Umgebung), und viel später nahm er gerne eine Einladung an, in der Türkei unter den Nomaden Volksmusik zu sammeln. Letzteres war aber eher eine Ausnahme, denn im Allgemeinen gab er die Forschungsreisen 1918 auf, als die Zersplitterung der Österreich-Ungarischen Monarchie nach dem ersten Weltkrieg und der darauffolgende Trianonvertrag jede Sammeltätigkeit erschwerten. Bisweilen fand er aber als Komponist immer mehr Anerkennung: besonders infolge der erfolgreichen Uraufführungen seiner zwei ersten Bühnenwerke 1917 und 1918, zuerst des 1914/17 komponierten Holzgeschnitzten Prinzen und dann der noch aus 1911 stammenden Blaubart-Oper, wurde er als der bedeutendste Komponist seiner Generation und der modernen Musik in Ungarn überhaupt betrachtet. Seine neueren Werke erschienen von nun an regelmäßig, dank der Wiener Universal Edition, und endlich öffnete sich für ihn die Möglichkeit einer internationalen Karriere als Komponist und Pianist. Während der zwanziger und dreißiger Jahre konzertierte er in fast allen wichtigen Musikstädten Europas. Ende der zwanziger Jahre konnte er sogar auf Tourneen in die USA und die Sowjetunion gehen.
 

            Sein Privatleben änderte sich wesentlich 1923, als er, nach der Scheidung seiner ersten Ehe, die junge Klavierschülerin Ditta Pásztory heiratete, von der sein zweiter Sohn Péter geboren wurde.
 

            Bartóks Klavierwerke, das emblematische Allegro barbaro (1911) oder die Suite Im Freien (1926), sowie seine pädagogischen Werke wie Für Kinder (1909/10) und Mikrokosmos (1932/39) für Klavier, die Vierundvierzig Duos für zwei Violinen (1931) nehmen einen hervorragenden Platz sowohl im Komponieren als auch in der modern gesinnten Musikerziehung des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Seine sechs Streichquartette, komponiert zwischen 1908 und 1939, sind sogar gattungsgeschichtlich sehr bedeutend. Mehrere seiner Orchesterwerke, ganz besonders aber seine Tanz-Suite (1923) und die für den Schweizer Dirigenten-Mäzen Paul Sacher geschriebene Musik für Saiteninstrumente, konnten sehr schnell nach ihren Uraufführungen Weltruhm erlangen. Trotz seiner skandalösen Kölner Erstaufführung im Jahre 1926 zählt der Wunderbare Mandarin (1918/19, Instrumentierung 1924) auch zu den Epoche machenden Werken des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Werke weisen Bartók einen wichtigen Platz neben den zwei führenden Erneuerern seiner Zeit, Schönberg und Strawinsky, zu. Dank seiner wissenschaftlichen Publikationen, seiner Aufsätze und Ausgaben von Volksliedern war er gleichzeitig eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der musikalischen Folklore Osteuropas.
 

            Nach der Annexion Österreichs suchte Bartók seine Werke von der Londoner Firma Boosey & Hawkes herausgeben zu lassen und nach den nötigen Vorbereitungen verließ er mit seiner Frau das kriegerische Europa, und emigrierte in die USA. Obwohl sich seine Krankheit, die Leukämie sehr schnell meldete, konnte er noch einige Meisterwerke, wie das Concerto für Orchester (für Serge Kousewitzky in 1943), die Sonate für Solovioline für Yehudi Menuhin (1944) und das seiner Frau hinterlassene 3. Klavierkonzert komponieren. Obwohl er sogar die Mehrheit seiner Sammlungen für Publikation vorbereitete, konnten sie erst nach seinem in New York am 26. September 1945 eingetretenen Tod erscheinen.

 

 

 

Impressum

Die Ausstellung wurde initiiert vom
Ungarischen Botschaft, Kopenhagen ,

 

 

unterstützt vom
Ministerium der Ungarischen Kulturerbe
Außenministerium der Republik Ungarn
 

 

Unser Dank gilt an
Peter Bartók
Gábor Vásárhelyi
 


Konzept:

  Bartók-Archiv, Budapest
Institut für Musikwissenschaft
Ungarische Akademie der Wissenschaften
 


Layout:

  Museum für Musikgeschichte
Institut für Musikwissenschaft
Ungarische Akademie der Wissenschaften
 

 

Online Version:

Andocsek Computer GmbH


Die Ausstellung
basiert auf der Sammlung vom
Bartók-Archiv, Budapest